5 Grundregeln für Wasserglas-Lesungen

13. März 2013

Die erste Lesung ist bestanden, das Eis gebrochen. Noch dazu im Literaturhaus Niederösterreich, (fast) in Gehweite der Roman-Schauplätze. Und der Verwaltungstrakt im Literaturhaus sieht mit seinen spitalsweissen Gängen aus wie jenes Gemeindezentrum, in dem die Romanheldin Conny Götzlbacher ihrer ehemaligen Jungscharleiterin begegnet. Das erleichtert die Wahl der richtigen Passage.
Am Vorabend in der Hotelbar verrät mir keine geringere als Mieze Medusa, worauf es ihrer Meinung nach bei einer guten Lesung ankommt: die ersten drei Minuten (beim Slam die ersten 30 Sekunden), die Art wie man die Bühne betritt, die Körperspannung, und irgendein (idealerweise komisches) Understatement, als potentielles Identifikationsmoment für das Publikum.
Das gibt mir zu denken. Wie betrete ich die Bühne? Und welches Understatement? (Ich habe doch immer lieber auf überhebliche Schockeffekte gesetzt, nicht ohne Erfolg). Es ist dies übrigens auch nach gut 10 Jahren performativ-medial-musikalisch gestützten Lesungen mein erster echter “Versuch über die Wasserglas Lesung”. Solche Lesungen erwarten mich auf der Buchmesse, beim Wortspiel-Festival, etc., überall also, wo Regelbrüche doch nur die Gültigkeit der Regel bestätigen würden.

Wasserglas

Hier also meine Grundregeln für eine gelungene “Wasserglas-Lesung”:

1) Zu beginn kurz frei reden, Sympathie erwecken, Blickkontakt aufnehmen; du siehst dein Publikum erst am Ende der Lesung wieder.
2) Keine Ausdrucke, keine persönlichen Text-Versionen verwenden, sondern das echte, gedruckte, käufliche Buch, gut sichtbar, physisch, real.
3) Stur im Buch versunken bleiben, nie aufsehen; das Publikum muss den lesenden Autor abschreiben, er muss verschwinden, bis die Stimme ganz körper- und persönlichkeitslos wird, und direkt in den Köpfen des Publikums zu entstehen scheint; als läsen sie schon selber das Buch.
4) Zwischendurch mindestens einmal zum Wasserglas greifen, am Besten, wenn du es nicht nötig hast; dadurch kann die Geste freier stilisiert werden.
5) Beim Lesen im Text immer Ausschau halten nach der nächstmöglichen dramatischen Wirkungspause, und diese auch immer nutzen; viel wichtiger als der Text ist die Stille im Wasserglas, in der das Publikum nach der nächsten Texteinheit zu dursten beginnt.

Und in der tat: es funktioniert, siehe da, erstmals nach einer Lesung sind meine Bücher tatsächlich ausverkauft, ich reise nunmehr mit sehr leichtem Gepäck und noch leichteren Herzens nach Leipzig . . .