Don’t tell it, don’t show it

16. April 2013

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Absagen bei Verlagen sind die Regel, begründete Absagen dagegen eine ziemliche Seltenheit. Ich erhielt bislang drei solche begründete Absagen, und an die vorletzte, vor etwa sechs Jahren, erinnere ich mich neuerdings wieder öfter. Meinem damaligen Romanmanuskript, so der Lektor dieses mittelgroßen Verlagshauses, fehle es an “einem Geheimnis”. Der Text komme nicht ins erzählen, er spreche alles einfach aus.

Damals hat es mich sehr geärgert, heute gebe ich ihm zweifach recht: mein Manuskript betreffend, und die Literatur ganz allgemein, die Geheimnisse so sehr braucht wie Menschen ihre Kleidung. Also die allermeiste Zeit, sonst ist es nicht spannend. Im Grunde genommen war mir seine Kritik eine Ermunterung, mir wieder einmal die Regel 1A aller Creative Writing Seminare zu Herzen zu nehmen: “Don’t tell it, show it!”

Doch sein Ruf nach geheimnisvollen Texten hat aus heutiger Sicht auch etwas prophetisches gehabt; denn momentan steht das Geheimnis im Segment “Anspruchsvolle Literatur” geradezu verräterisch im Vordergrund. Einige der meistbeachteten Bücher der letzten Saison kommen mir dabei in den Sinn: “Sie nannten ihn Krawatte”, von Milena Michiko Flasar, meine derzeitige Lektüre, “An den Herrscher von Übersee“, von Teresa Präauer, eventuell auch “Der Winter tut den Fischen gut”, von Anna Weidenholzer.

Schon die Titel sind in jedem Fall so verheissungsvoll und zugleich zurückhaltend und codiert wie Zen-Mantren, bzw. kryptisch wie Krawatten. Die Bücher verbindet auch ein gewisser Schlankheitsfaktor: sie sind keine Wälzer, die einen mit der Kraft des Faktischen überrollen, sie sind vom Umfang eher Novellen oder “Prosa-Etüden”. Nimmt man sie zur Hand, spürt man regelrecht, wie filigran das darin Enthaltene ist; und dass jede Erzählung an einem seidenen Faden hängt, und sich so schnell verflüchtigen kann wie ein Schmetterling. Und der Stil, in jedem Fall, scheint dem Rechnung zu tragen: indirekt, ahnungsvoll, suggestiv, verhalten, karg, minimalistisch, auch nostalgisch, ein schriftgewordenes Mysterium. Ein unaussprechliches, auratisches, auf seltsam aktuelle Weise auch “weibliches” Geheimnis namens Literatur, das wie durch Zufall zwischen zwei Buchdeckeln, zwischen meinen Händen gelandet ist.

Ich finde das zunächst sehr anziehend, ich finde diese literarische Schlüpfrigkeit auf wohltuende Weise ziemlich esoterisch, und der Anblick dieser drei im übrigen auch toll produzierten Bücher erweckt in mir verlässlich bibliophile Begehrlichkeiten. Wo ein tiefes Geheimnis im Dunklen des Texts vor sich hin dämmert, da sind Wahrheit, literarische Spannung, und philosophische Gelassenheit vielleicht doch näher als im grellen Sonnenschein.

Jedoch frage ich mich, auf Seite 58 vom “Herrscher aus Übersee” angelangt, ob man es auch zu weit treiben kann, mit der Geheimnistuerei. Ob das Geheimnis vielleicht gar nicht mehr so geheimnisvoll ist, sondern eher zur sicheren literarischen Strategie geworden ist, eine fast schon dogmatische Vorgabe:

“Fünf rechts, fünf links fünf vor mir und der Rest hinter mir [die Rede ist von Vögeln, anm.); so fliegen wir über das Land. Die Fliegerin sitzt im Fluggerät und ist über Funk mit dem Meteorologen verbunden, der ihr jetzt schweigend zuhören muss.”

— Merke: Der unergründliche Perspektivwechsel (vom “Ich” zum “Wir” und dann zur “Fliegerin”) sorgt, wie auch sonst auf fast jeder Seite, schon mal für viel Geheimnis. Umso besser, dass da auch jemand “verbunden” ist, aber blöderweise nicht kommunizieren kann, sondern “schweigend zuhören” muss; eine esoterische Inszenierung vom Feinsten! —

“Und manchmal, sagt sie zu ihm, macht mich diese Reise auch traurig, weil sie kurz ist und lang, erschöpfend und ermächtigend”

Tja, das ist wohl gut, weil es schlecht ist. Das macht mich traurig, weil es mich auch glücklich macht. Das sagt mir alles, weil es mir im Grunde genommen auch nichts sagt. Das ist das Geheimnis, und die Klarheit, manchmal …

“Und nach wenigen Tagen des Unterwegsseins beginnt es kühler zu werden, zuerst kaum merklich, dann schon deutlich, wenn der Reif sich in der Nacht aufs Gras und auf mein Reisegepäck gelegt hat. Ja, der Reif, sagt der Meteorologe kurz.”

Ja, der Reif! Damit bloß nicht zu deutlich wird, dass es auf undeutliche Weise kalt geworden ist, tut “der Meteorologe” (Körper-, Namen-, Persönlichkeitslos) auch noch kurz sein Salz dazu, ein Salz, das merkwürdiger Weise nach nichts schmeckt (Achtung, Rätsel!).

Kann sein, dass die Lektoren, die Kritik und vor allem auch viele LeserInnen mit diesen geheimnisvollen Vexierspielen ihre hell-dunklen Freuden haben. Kann sein, dass wir der positivistischen Aufklärung und der kalten platten Burnout-Welt wieder mal überdrüssig geworden sind, wie wir es letztes, vorletztes, und vorvorletztes Jahr auch schon waren, trotz Yoga und Balkongarten und 10,000 Seiten Derrida. Kann aber auch sein, dass Konsens am leichtesten dort zu finden ist, wo sich alles hineininterpretieren lässt. Und dass wir anno 2013, im brackigen Fahrwasser Christi, immer noch den Sinn des Lebens suchen, und nur Houellebecq den Mumm und die stilistischen Mittel hat auszusprechen, dass es ihn nicht gibt; oder nur als mehr oder minder kommerzielles Fabrikat.

Mit jedenfalls scheint es manchmal so, als wäre es besser, sein literarisches Reisegepäck einfach ins Trockene zu stellen, anstatt zu warten, das die Geheimnisse immer weiter vor sich hin reifen. Bei Präauers Buch habe ich trotz einer Vielzahl genialer und stimmiger Beobachtungen dennoch nach fast jedem Satz das Gefühl, wieder einen halben Satz zurückspulen zu müssen, weil etwas vorsätzlich unklar geblieben ist. Und nach jeder Seite am Besten auch wieder eine Seite zurück. Das erzeugt gewiss soetwas wie eine Gefühl von Konzentration, von stilistischer Erhabenheit, vielleicht auch von Schönheit und Wahrhaftigkeit und sinnlicher Einfühlsamkeit, aber vor so viel mystischer Hintergründigkeit ist am Ende alles auch wieder nur eine vordergründig inszenierte Illusion gewesen. “Don’t tell it, show it” ist hier in der letzten Übersteigerung bereits zum “Don’t tell it, and don’t show it either” weitergedacht, äh, ausgereift.

Aber ich bin erst bei der Hälfte angelegt, und ich werde, so sicher wie ein Atomkraftwerk, noch einmal darauf zurückkommen.