Amphibien
Jean Baudrillard, der alte Haudegen (und ein persönlicher Lieblingsphilosoph und -Poet), er hatte in seinem Denken und seinen Aphorismen immer von der amphibischen, reptilien- und zwitterhaften Beschaffenheit des Realen gesprochen. Ich denke dieser Tage öfter daran, denn unser Gartenteich ist von Teichmolchen besiedelt worden, deren Treiben ich fasziniert beobachte.
Teichmolche sind Wesen zwischen Wasser, Erde und Luft, sie sind Wandlungskünstler, und damit beispielhaft für Menschen – und gerade auch “die Kulturschaffenden” – die es ernst meinen mit gesellschaftlich-politischer Veränderung. Ich beobachte immer öfter, dass der frontale Weg der Veränderung, nämlich Protest und Kritik und Aktivismus, überhaupt nichts mehr bringt. Versucht man, bestimmten Menschen mittels Literatur, Theater, Film, Podiumsdiskussionen, Vorträgen oder sonstigem – zB nackten Brüsten – einen kritischen Spiegel vorzuhalten, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie sich darin nicht erkennen werden; oder bestenfalls nur auf eine ihrem Selbstbild bequeme Art und Weise.
“Niemand will mit seinen eigenen Widersprüchen konfrontiert werden”, sagte mir einmal ein (grüner) Politiker, und letztlich finde ich, er hatte recht. Auch mit meinen Texten, Büchern, Performances fiel mir stets auf, dass die potentiellen Adressaten einer Kritik oder Karikatur sich durchwegs am wenigsten angesprochen fühlten. Sie lachten immer herzlich – und zwar über die anderen. Mehr noch: je direkter und plakativer und provokativer man seine Kritik übt, umso weniger wird sie wahrgenommen, geschweige denn wirksam. Kritik und Protest mit künstlerischen Mitteln hat eigentlich immer nur eine Funktion, nämlich ähnlichdenkende, ähnlich “kritisch” denkende Menschen hinter einem kollektiven Ausdruck zu vereinen; nicht mehr und nicht weniger.
Geschichte und Gesellschaft sind Realität ohne Einspruchsmöglichkeit. Sie dulden vieles, aber keine Widerrede. Veränderung entsteht nicht dadurch, dass etwas kritisiert oder widerlegt oder entlarvt wird. Veränderung entsteht erst, wenn bestimmte Körper aus dem Wasser kriechen, das Medium wechseln, sich wandeln. Veränderung heisst Verwandlung, und sogesehen haben wir von den Teichmolchen noch einiges zu lernen.
(Und das ist bitte nicht als Kritik an irgendjemandem zu verstehen!)

Ein leerer Pool, ganz ohne Amphibien, die längst ins dahinterliegende Meer abgewandert sind.

