Im Namen des Stöberns, der Exzentrik und des Bestsellers
Die wiener Gourmet-Buchhändlerin Anna Jeller bringt im Gespräch mit Judith Belfkih von der Wiener Zeitung die momentane Situation am Buchmarkt in vielerlei Hinsicht ziemlich gut und wahrheitsgemäß auf den Punkt; oder versteht es zumindest, unser aller kulturpessimistischen Sonntagsschweinehund vorzüglich zu streicheln:
“Heimische AutorInnen publizieren in immer kürzeren Abständen. Alle ein bis zwei Jahre ein neues Buch gilt nicht nur in der heimischen Literatenszene als selbstverständlich. Kreative Verschnaufpausen gelten beinahe schon als exzentrisch. Das Resultat sind die Wiederholung des ewig Gleichen und Erwartbaren. Lektoren greifen – auch wegen der immer kürzeren Publikationsabstände – immer weniger ein; es scheint oft gar kein Lektorat zu geben. Über 30 Jahre gesehen ist das Niveau definitiv gesunken, den LeserInnen ist früher wesentlich mehr zugemutet worden. Verlage geben ihre klaren Profile zugunsten einer möglichst breiten Palette auf. Sie wollen möglichst breit streuen, damit sie an mehreren Plätzen aufliegen. Es ist reine Gewinnoptimierung.”
Wo Jeller aber möglicherweise daneben liegt, und viele andere Buchhandlungen leider auch, ist in der massiven Überschätzung des guten alten “Persönlichen Beratungsgesprächs”. Die LeserInnen scheuen es nicht zwingend, wie Jella meint, weil sie “Autisten” sind oder “soziale Defizite” haben, die im Internet vereinzeln und verwahrlosen. Im Gegensatz zu Amazon kann die Buchhändlerin leider nur eine persönliche Meinung haben – ihre eigene – und nur eine gewisse Käuferschicht wirklich glaubhaft ansprechen. Sie kann auch unmöglich alle Neuerscheinungen gelesen haben. Im Endeffekt kann sie also durch ihre Auswahl und ihre persönliche Verkaufsstrategie nur eine sehr ausgewählte Kundenschicht ansprechen; und die ist wohl überwiegend eine alternde, innerstädtische, bildungsbürgerlich geprägte.
Amazon lässt ganz “personalisiert” (also: 100% unpersönlich) unterschiedlichste Meinungen zu jedem Buch zu, bietet unterschiedlichste Wertungsmodelle an, von der bibliophilen Rezension über Blogs bishin zum banalen Sternchen-System, deckt viel mehr Bücher ab, und kann durch banale Statistik besser und treffender – auch sprachen- und spartenübergreifend – empfehlen als eine Einzelperson es jemals könnte. Und wenn die Maschine versagt, bietet sie gerade dadurch auch immer wieder interessante Überraschungseffekte oder Querverweise.
Humanismus hin oder her: auch und gerade LeserInnen sind über statistisch-soziologisch-informatische Zuordenbarkeit alles andere als erhaben; und wie auch im “Beratungsgespräch” oder im “Feuilleton” geht es doch längst nicht nur darum, sich radikal neuen Werten und Lese-Erlebnissen zu öffnen, oder gar durch literarische Irritationen beeinflusst zu werden; denn mindestens ebenso stark ist die Sehnsucht nach Anhaltspunkten, die einem die eigenen Intutionen, den eigenen Geschmack und die eigenen Kultur- und Gruppenzugehörigkeit möglichst triftig bestätigen. Auch der aufgeklärte Mensch ist noch ein Gruppentier und sucht – gerade beim Geldausgeben – vor allem Beruhigung, Bestätigung, Identifikation; macht auch Sinn, denn die Welt ändert sich ja auch ohne sein Zutun trotzdem noch schnell genug.
Die Buchhändler müssen wohl akzeptieren, dass sie in dieser Hinsicht nur mehr eine von vielen normativen und also beruhigenden Instanzen sein können; und alles tun, um die eine, kleine Gruppe, die sich von einer klassischen (oder 2.0 Latte-Design-Bibliophilie-)Buchhandlung am besten angesprochen fühlt, solidarisch an sich zu binden und nicht wegschrumpfen zu lassen – wie Jella es ja auch zu tun scheint. Gewinnoptimierung sieht anders aus, aber zum Überleben wird’s gerade reichen, der Rest kann unter Kulturarbeit und Lebenskunst bzw. Lifestyle verbucht werden (wenig überraschend, dass gerade in Berlin derzeit viele neue 2.0-Buchhandlungen eröffnen); und wie ich mit der wunderbar-beratungsaffinen Buchhandlung Leo erleben durfte, können in diesem Rahmen auch tolle und durchaus verkaufsfördernde Allianzen mit Nischen-Autoren entstehen, die dann während einer Verschnaufpause ihre Non-Book Vogelhäuser in alt-ehrwürdige Innenstadt-Auslagen hängen dürfen.
PS A propos Nischen-Autorenschaft: abgesehen von attraktiven finanziellen und sozialen Anreizen gibt es dass es nur einen wirklich guten Grund, erfolgreicher und berühmter Bestseller-Autor zu werden: man müsste sich potentiell viel weniger darum kümmern, sein Publikum zu unterhalten und wäre dadurch (rein theoretisch) literarisch auch freier; denn die Berühmtheit ist der Unterhaltung immer schon genug.
Wie es Henry Kissinger so schön formulierte: “The nice thing about being a celebrity is that when you bore people, they think it’s their fault.”

