Gated Communities

10. April 2013

“. . . ein Ökonomiestudium ist gleich Gehirnwäsche . . . Beschränkung der Macht des Kapitals . . . herrenlose Sklaverei . . . Illusion der individuellen Verantwortung . . . Drehtüreffekt von Wirtschaft und Politik . . . Überlastung kann in Neurosen einmünden . . .” (Salzburger Nachtstudio zum Thema “Verantwortung”, Ö1)

Abends, wenn sich das Bildungsbürgertum und die Barockcommunity bereits die Schlafmützen überziehen (wenn die denn morgens überhaupt abgenommen wurden), mutiert Ö1 zum linksradikalen Piratensender. Eigentlich ein Glücksfall, dass sich der österreichische Staat soetwas leisten will, oder kann. Oder ist es umgekehrt eher so, dass es sich der Staat nicht mehr leistet, und in der allabendlichen Programmgestaltung vor allem das Resentiment über die flächendeckende Präkarisierung der ORF-MitarbeiterInnen endlich zum Durchschlag kommt? Zumindest jenes ORF-Personal (oder gerade-nicht-”Personal”), dem ich in letzter Zeit begegnete, mussten nicht lange gefragt werden, um das Klagelied darüber anzustimmen.

Frankreich wiederum hat nebst schlagkräftigeren Gewerkschaften den Glücksfall namens Michel Houellebecq, ein neo-konservativer Realist bzw. pragmatischer Apokalyptiker bzw. darwinistischer Zivilisationsverachter, und damit in der auch heute doch noch immer wieder zur sozial-bürgerlichen Gewissenhaftigkeit, Aufklärung und Menschenfreundlichkeit tendierenden E-Literatur ein ziemliches Unikum.

“Karte und Gebiet”, das ich nunmehr ausgelesen habe (und welches mich in einem bleischweren, luftleeren Vakuum zurücklässt, in dem dennoch die Uhr – vor allem die biologische – laut tickt) ist soetwas wie ein totaler Rundumschlag gegen das System, bzw. die Menschheit an sich. Was am Ende bleibt, ist weniger der Protest von Gutmenschen, sondern die Zen-artige Akzeptanz eines unausweichlichen Untergangs – und auch der immer wiederkehrenden “masslosen Blödheit” und “Brutalität”. Die Trauer, das Ende von allem, die Einsamkeit. Was er schreibend zuwege bringt, ist so etwas wie die Kartographie des Unausweichlichen. In freier Übersetzung:

“Seine Polizistenkarriere hatte ihm niemals andere Kriminelle vorgeführt als solche, die schlechte und einfache denkende Geschöpfe waren, zu jeglichen neuen Gedanken unfähig. Sie waren eigentlich wie degenerierte Tiere, die in ihrem eigenen Interesse und dem Interesse der menschlichen Gemeinschaft am besten schon im Moment ihrer Festnahme abgeschlachtet werden sollten – zumindest war das seine Meinung.” P. 345

“Am Ende des Jahres hatte Jed ein 700 Hektar großes Grundstück zusammengekauft…er wartete den Frühling ab, ließ dann einen drei Meter hohen Metallzaun um das Gelände errichten, damit es vollständig abgeriegelt war. Auf dem Zaun lief ein elektrischer Draht, von einem Niederspannungsgenerator gespeist…dasselbe Prinzip, mit denen Kühe auf der Weide gehalten wurden. Der Bürgermeister versuchte einzulenken, seit Generationen wurde auf diesen Gründen gejagt, wofür Jed Verständnis und aufrichtiges Bedauern hatte; er pochte jedoch darauf, strikt gesetzeskonform gehandelt zu haben. Kurz nach diesem Gespräch ließ er von einem Bauunternehmen eine Strasse durch sein Anwesen bauen, auf eine ferngesteuerte Türe hin, die sich direkt auf die D50 öffnete – keine drei Kilometer weiter, mündete diese in die A20…er konnte sich sicher sein, niemandem aus dem Dorf zu begegnen, bei seinen Einkäufen . . . und manchmal hatte er den großen Carrefour Hypermarche in Limoges ganz für sich allein – was ihm wie eine ziemlich gute Annäherung eines echten Glückszustandes erschien.” P. 397

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Alsdann, liebe Ö1 Nachstudio-Redakteure und -Redakteurinnen, frohe Ostern noch . . . mit vielen unbezahlten Überstunden . . .